Wie wird eigentlich die Fairness im Behindertensport bewahrt? 

 

Im Sport für Menschen mit Behinderung sind die Unterschiede bei den jeweiligen Voraussetzungen zur Ausübung einer Sportart besonders individuell und vielfältig, jeder Athlet hat eine andere Beeinträchtigung, die unterschiedliche Auswirkungen auf die Ausübung seiner Sportart hat. Wie also stellt man im Behindertensport Gerechtigkeit und Vergleichbarkeit her?

Genau zu diesem Zweck wurde vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) für die paralympischen Sportarten ein umfangreiches Klassifizierungssystem entwickelt. Athleten werden also klassifiziert, das heißt in unterschiedliche Wettkampfklassen eingeteilt. Ziel ist es, den einseitigen und berechenbaren Wettkampf zu vermeiden, bei dem immer der am wenigsten beeinträchtigte Athlet gewinnt. Insgesamt gibt es in der internationalen Leichtathletik 52 Wettkampfklassen.

Es gibt nach der Definition des paralympischen Klassifizierungssystems drei Arten von Behinderung: körperliche, geistige und Sehbehinderung. Für die körperliche und geistige Behinderung werden zusätzlich zu medizinischen Befunden und psychologischen Tests funktionelle sportartspezifische Untersuchungen durchgeführt. Die Klassifizierung von Athleten mit einer Sehbehinderung erfolgt nicht sportartspezifisch, sondern auf der Grundlage des betreffenden medizinischen Befundes, übergreifend für alle Sportarten und Disziplinen. Diese Einteilung ähnelt in gewisser Weise der Gruppierung von Athleten nach Alter, Geschlecht oder Gewicht. Allerdings werden im Para Sport die Athleten nicht nach den klassischen Merkmalen Alter, Geschlecht oder Gewicht eingeteilt, sondern nach dem Grad der durch die Behinderung bedingten Bewegungseinschränkung.

Verschiedene Sportarten erfordern von den Athleten verschiedene Bewegungen, wie z.B.: Sprinten, Rollstuhlfahren oder Springen. Die Auswirkungen der Behinderung auf die einzelnen Sportarten sind stets unterschiedlich. Daher ist die Klassifizierung immer sportartspezifisch.

Die Athleten werden von Klassifizierern klassifiziert, die in einem Klassifizierungsgremium von zwei oder drei Personen zusammenarbeiten. Die Klassifizierer sind vom IPC ausgebildet und müssen den Athleten mindestens alle zwei Jahre, oder wenn sich der Gesundheitszustand eines Athleten verändert, neu bewerten. Dabei wird der Einfluss der Behinderung auf die Ausübung der jeweiligen Sportart bewertet. Vor den meisten Wettkämpfen, wie auch vor der EM 2018 in Berlin, finden solche Klassifizierungen statt.

Folgende drei Fragen müssen sich die Klassifizierer stellen:

  1. Hat der Athlet eine berechtigte Beeinträchtigung für diese Sportart?
  2. Erfüllt die Beeinträchtigung des Athleten die Mindestanforderungen der Sportart?
  3. Welche Wettkampfklasse beschreibt die Aktivitätsbeschränkung des Athleten am genauesten?

 

Jede paralympische Sportart definiert in ihren Klassifizierungsregeln, für welche Behindertengruppen sie sportliche Möglichkeiten bietet. Während einige Sportarten alle Arten von Beeinträchtigungen beinhalten (z.B. Leichtathletik, Schwimmen), sind andere Sportarten spezifisch für eine Art von Beeinträchtigung (z.B. Goalball für Menschen mit Sehbehinderung) oder eine Auswahl von Beeinträchtigungen (z.B. Reiten, Radfahren).

Wenn ein Athlet für eine Sportart in Frage kommt, beurteilt das Klassifizierungsgremium, in welcher Klasse der Athlet antreten wird. Eine Wettkampfklasse fasst Athleten mit einer ähnlichen Aktivitätsbeschränkung für den Wettkampf zusammen, so dass sie gleichberechtigt antreten können.

Das bedeutet wiederum, dass die Wettkampfklassen von Sportart zu Sportart unterschiedlich sind. Es bedeutet auch, dass eine Wettkampfklasse nicht unbedingt Athleten mit der gleichen Behinderung umfasst. Wenn unterschiedliche Behinderungen ähnliche Aktivitätseinschränkung verursachen, dürfen und müssen Athleten mit diesen Behinderungen gegeneinander antreten. Deswegen dürfen z.B. beim Rennrollstuhl-Rennen Athleten mit Querschnittslähmung und Beinamputationen gegeneinander antreten. Sie weisen zwar nicht die gleiche Behinderung auf, ihre Behinderungen haben aber einen ähnlichen Einfluss auf die Bewegungsabläufe beim Rennrollstuhlfahren.

 Hier eine Übersicht über die verschiedenen Wettkampfklassen

ATHLETEN MIT SEHBEHINDERUNGEN / BLIND

T/F 11 Blind

T/F 12 Hochgradig sehbehindert

T/F 13 Sehbehindert

ATHLETEN MIT INTELLEKTUELLER BEEINTRÄCHTIGUNG

T/F 20 Geistige Behinderung

T/F ATHLETEN MIT CEREBRALER BEWEGUNGSSTÖRUNG

bspw. Spastik, Athetose oder Ataxia

T/F 31 Sehr schwere Spastik und/oder Athetose an allen

Extremitäten – Rollstuhlnutzung

T/F 32 Schwere Spastik und/oder Athetose an allen Extremitäten – Rollstuhlnutzung

T/F 33 Mittlere Spastik an allen Extremitäten – Rollstuhlnutzung

T/F 34 Mittlere Spastik; vorwiegend in den unteren Gliedmaßen – Rollstuhlnutzung

T/F 35 Mittlere Spastik in den unteren Gliedmaßen – Keine Rollstuhlnutzung

T/F 36 Mittlere Athetose oder Ataxie.

T/F 37 Hemiplegie (Spastik in einer Körperseite)

T/F 38 Beeinträchtigung in einer Extremität

T/F AMPUTIERTE UND LES AUTRES (OHNE BEINPROTHESENNUTZUNG)

T/F 40 Kleinwüchsige Männer unter 1.30m; kleinwüchsige Frauen unter 1.25m

T/F 41 Kleinwüchsige Männer unter 1.45m; kleinwüchsige Frauen unter 1.37m

T/F 42 Beeinträchtigung der Hüfte und/oder Kniegelenk ein- oder beidseitig

T/F 43 Beidseitige Sprunggelenks- oder Unterschenkeleinschränkung

T/F 44 Einseitige Sprunggelenks- oder Unterschenkeleinschränkung

T/F 45 Doppeloberarmverlust; Doppelunterarmverlust

T/F 46 Oberarmverlust oder Unterarmverlust

T 47 Verlust einer Hand oder Teile des Unterarms

T/F ROLLSTUHLFAHRER (BPSW. MIT QUERSCHNITTLÄHMUNG)

Fahrdisziplinen

T 51 Tetraplegiker mit schlechter Arm- und Schulterfunktion

T 52 Tetraplegiker mit guter Arm- und Schulterfunktion

T 53 Paraplegiker mit schlechter Rumpffunktion

T 54 Paraplegiker mit guter Rumpffunktion

Wurfdisziplinen

F 51 Tetraplegiker mit schlechter Arm- und Schulterfunktion

F 52 Tetraplegiker mit guter Arm- und

F 53 Tetraplegiker mit guter Arm-, Schulter- und Fingerfunktion

F 54 Paraplegiker mit schlechter Sitzbalance

F 55 Paraplegiker mit fast normaler Sitzbalance

F 56 Paraplegiker mit guter Sitzbalance/inkomplette Lähmungen

F 57 Paraplegiker mit Rest-Beinfunktion oder einseitig/beidseitig, Oberschenkelamputierte bzw. Beinverkürzungen

T/F BEINAMPUTIERTE MIT PROTHESEN

T/F 61 Doppeloberschenkelverlust mit Prothesen oder

Ober- und Unterschenkelverlust mit Prothesen

T/F 62 Doppelunterschenkelverlust mit Prothesen

T/F 63 Oberschenkelverlust mit einer Prothese

T/F 64 Unterschenkelverlust mit einer Prothese

 

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