Vom 20.-26. August 2018 findet in Berlin die Para Leichtathletik-Europameisterschaft statt. Ohne Matthias Groß (geb. Schröder), denn der hat seine Paralympische Karriere vor fünf Jahren beendet.

Der Leichtathlet hat nicht nur Gold über 400m bei den Paralympischen Spielen in Peking gewonnen, sondern hält auch den Weltrekord im Weitsprung in seiner Wettkampfklasse. Diese nennt sich F12 bzw. T12- Bahn und Feld für sehbehinderte Athleten, also Laufen und Weitsprung.

Matthias Groß ist fast blind, denn seit seinem sechsten Lebensjahr löst sich seine Netzhaut nach und nach ab. Deshalb ist er im Para Sport aktiv geworden und gehörte bis zu seinem Karriereende, für das er sich auf Grund seines Alters entschieden hat, zur Weltklasse.

Und was macht er jetzt?

© Kathrin Bierwirth

 Aber nicht nur das ein oder andere Wehwehchen, das sich langsam aber sicher eingeschlichen hat, hat ihn zum Karriereende veranlasst, sondern, so berichtet er, haben sich seine Prioritäten verschoben. „Ich habe eine neue Stelle angefangen und vor drei Jahren geheiratet- da war der Sport einfach nicht mehr Priorität.“ Heute arbeitet Matthias Groß, seines Zeichens Urberliner, für die BVG als Behindertenbeauftragter und ist dort zuständig für die Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr in ganz Berlin. Durch sein eigenes Handicap weiß er, worauf es in Sachen Barrierefreiheit ankommt und hat eigene Projekte, wie z.B. sprechende Busse, angestoßen. „Bis 2022 sollen die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin komplett barrierefrei sein.“ – ein großes Ziel. Verständlich, dass Matthias Groß da nicht mehr viel Zeit bleibt, um auf Leistungsniveau zu trainieren. Auf die Frage, ob das Laufen für ihn denn gar keine Rolle mehr spiele, sagt Matthias, er sei häufig auf Volksläufen unterwegs. „Auf der Bahn laufe ich nicht mehr, auf der Strecke ja. Just for fun! Laufen macht mir immer noch Spaß, aber ich möchte keinen Druck mehr dahinter haben.“

Eine sehr gesunde Einstellung. Zumal Groß immer noch guten freundschaftlichen Kontakt zu seinen Guides, mit denen er früher zu Titeln gelaufen ist, pflegt. Schließlich hat man von früh bis spät gemeinsam trainiert, da musste es nicht nur sportlich passen, sondern auch menschlich. Neben seinem Beruf kocht Matthias Groß gerne und ist viel unterwegs. Noch in diesem Jahr geht es in die Arktis und auf einem Kreuzfahrtschiff von Bali nach Australien – wo bleibt da noch Zeit für Leistungssport? 

Wie hat sich der Paralympische Sport seit seinem Karriereende verändert?

Nicht nur im Leben von Matthias Groß hat sich Einiges getan. Der Paralympische Sport hat sich innerhalb der letzten fünf Jahre enorm weiterentwickelt. Während es früher ausschließlich alle vier Jahre die Paralympischen Spiele gab, gibt es heute viel mehr Events dazwischen und eine große Öffentlichkeit für den Behindertensport. Das lobt der Ex-Paralympionik. Vor allem Präsenzen auf Social Media-Kanälen á la Kappel und Mester, die regelmäßig auf witzige Art und Wiese über ihr Training und ihr Leben als kleinwüchsige Para Athleten berichten. „Da ist ein Stadion mitten in Berlin. Hier in Berlin findet so viel Sport statt! Allerdings herrscht noch kein Selbstverständnis, direkt zu Ereignissen wie der Para Leichtathletik-EM zu gehen. Dabei bringen wir Para Athleten genauso Leistung wie nichtbehinderte Athleten. Das müssen die Menschen verstehen und der Behindertensport muss einfach in aller Munde sein.“ Auch wenn bei den Zahlen an Zuschauern bei Para Sportveranstaltungen noch Luft nach oben ist, der Behindertensport ist auf einem guten Weg. Nicht zuletzt durch engagierte Athleten wie Matthias Groß. 

„Ich liebe mein Leben wie es jetzt ist“

 Ob es manchmal noch in den Beinen juckt, wollten wir abschließend wissen: „Man überlegt schon nochmal, wie es wäre, in der eigenen Stadt anzutreten. Aber ich liebe mein Leben wie es jetzt ist und möchte es für nichts eintauschen“.

Als gebürtiger Berliner verbindet ihn so viel mehr mit Berlin als nur der Sport. Vor heimischem Publikum anzutreten sei immer das Schönste gewesen. So auch beim Paralympics Day am Brandenburger Tor im Juli 2009. Das Publikum, nur wenige Meter von der Sprunggrube entfernt, hat ihn in der Luft immer weitergeschoben- bis hin zum Weltrekord. „Das Brandenburger Tor im Hintergrund, die Menschen ganz nah dran, meine Familie war dort. Der Weltrekord in der eigenen Stadt! Das war mein geilster Moment!“ Und nach wie vor verfolgt er jeden Wettkampf online oder im Fernsehen. Und zur Europameisterschaft 2018 in Berlin kommt er ins Stadion- da ist er sich ganz sicher.